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27. August 2026 · Manfred Wunder · FREIE MEINUNG

Österreichs Gesundheitssystem: Mehr Wartezeit trotz Mrd. – Zweiklassenmedizin?

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz erstellt.

Man zahlt jahrzehntelang Sozialversicherungsbeiträge. Man verlässt sich darauf, dass im Krankheitsfall ein Gesundheitssystem da ist, das einen auffängt. Und dann kommt der Moment, in dem man tatsächlich Hilfe braucht: eine Untersuchung beim Facharzt, ein MRT, eine notwendige Operation.

Plötzlich heißt es: warten.

Wochen. Manchmal Monate.

Und dann macht man eine Erfahrung, die inzwischen viele Menschen in Österreich kennen: Fragt man nach einem Termin als Kassenpatient, scheint der Kalender voll zu sein. Ist man bereit, die Untersuchung oder Behandlung privat zu bezahlen, geht es mitunter erstaunlich schnell.



Genau an diesem Punkt entsteht eine gefährliche Frage: Entwickelt sich Österreich schleichend zu einer Zwei-Klassen-Medizin?

Die verfügbaren Daten zeigen ein widersprüchliches Bild. Österreich besitzt noch immer ein leistungsfähiges Gesundheitssystem. Laut OECD sind 78 Prozent der Bevölkerung mit der Verfügbarkeit hochwertiger Gesundheitsversorgung zufrieden – deutlich mehr als der OECD-Durchschnitt von 64 Prozent. Gleichzeitig gibt Österreich außergewöhnlich viel Geld für Gesundheit aus: 11,8 Prozent der Wirtschaftsleistung beziehungsweise kaufkraftbereinigt rund 8.401 US-Dollar pro Einwohner. Auch bei der Ärztedichte liegt Österreich deutlich über dem OECD-Schnitt.

Wir haben also nicht einfach „zu wenig Medizin“.

Das Problem ist komplizierter.

Ein reich ausgestattetes System mit einem Verteilungsproblem

Österreich verfügt laut OECD über etwa 5,5 praktizierende Ärztinnen und Ärzte je 1.000 Einwohner. Der OECD-Durchschnitt beträgt lediglich 3,9. Auch bei den Pflegekräften liegt Österreich über dem Durchschnitt.

Warum erleben Patienten dann Ärztemangel?

Weil eine hohe Zahl an Ärzten wenig darüber aussagt, wo diese Ärzte arbeiten, in welchem Fach sie tätig sind und ob ihre Leistungen über die gesetzliche Krankenversicherung verfügbar sind.

Das OECD-/EU-Länderprofil Österreich 2025 bringt dieses Problem besonders deutlich zum Ausdruck. Österreich kam auf durchschnittlich 553 praktizierende Ärzte pro 100.000 Einwohner. In Wien waren es jedoch 705, in Oberösterreich nur 446. Mitte 2024 waren außerdem rund 80 Kassenstellen in der Primärversorgung unbesetzt, wobei insbesondere ländlichere Regionen betroffen waren.

Der österreichische „Ärztemangel“ ist daher zumindest teilweise ein Verteilungs- und Strukturproblem.

Es können gleichzeitig viele Ärzte im Land arbeiten und trotzdem Kassenpatienten Schwierigkeiten haben, einen Termin zu bekommen.

Das Kernproblem: Kassenmedizin und Privatmedizin entwickeln unterschiedliche Geschwindigkeiten

Besonders problematisch wird diese Entwicklung, wenn Ärzte zwar vorhanden sind, ihre Leistungen aber zunehmend außerhalb des klassischen Kassensystems angeboten werden.

Die jüngsten Zahlen der Österreichischen Ärztekammer zeigen eine interessante Entwicklung. Ende 2025 gab es insgesamt 53.353 Ärztinnen und Ärzte in Österreich. Gleichzeitig weist die Ärztekammer ausdrücklich auf einen starken Wahlarztbereich und auf die Altersstruktur im niedergelassenen Bereich hin.

Für Patienten macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ein Arzt theoretisch vorhanden ist oder ob er einen Kassenvertrag besitzt und innerhalb dieses Systems genügend Termine anbieten kann.

Das erklärt auch einen Teil des scheinbaren Widerspruchs:

Österreich hat viele Ärzte – aber nicht automatisch genügend verfügbare Kassenarztkapazität dort, wo sie gebraucht wird.

Warum bekommt man privat oft schneller einen Termin?

Hier kommen wirtschaftliche Anreize ins Spiel.

Das öffentliche System arbeitet mit Verträgen, Tarifen, Leistungskatalogen und Abrechnungsregeln. Im niedergelassenen Bereich erfolgt die Vergütung unter anderem über zwischen Sozialversicherung und Ärzteschaft ausgehandelte Honorarsysteme.

Bei einer Privat- oder Wahlarztleistung besteht diese Bindung in dieser Form nicht.

Der Arzt kann sich mehr Zeit nehmen, Preise anders kalkulieren und die Zahl der Patienten selbst steuern. Patienten bezahlen zunächst selbst und bekommen – abhängig von Leistung und Versicherung – einen Teil ersetzt.

Für Ärzte kann dieses Modell attraktiv sein. Für Patienten, die es sich leisten können, kann es komfortabler und schneller sein.

Für das solidarische Gesundheitssystem entsteht dadurch jedoch ein Problem: Die medizinische Arbeitskraft verschwindet nicht – aber ein Teil davon steht dem klassischen Kassensystem nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung.

Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Besonders heikel wird es bei Operationen

Bei einer notwendigen, aber medizinisch nicht als akut eingestuften Operation können lange Wartezeiten enorm belastend sein.

Ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk ist vielleicht kein medizinischer Notfall. Für einen Menschen, der jeden Tag Schmerzen hat, kaum schlafen kann oder nicht mehr richtig gehen kann, fühlt sich ein halbes Jahr Wartezeit trotzdem alles andere als „nicht dringend“ an.

Und die Unterschiede können beträchtlich sein.

Das Länderprofil Gesundheit 2025 nennt für Hüftoperationen in Wien ein eindrucksvolles Beispiel: 2024 betrug die mittlere Wartezeit im größten Wiener Krankenhaus etwa sechs Wochen, während sie in kleineren Wiener Krankenhäusern mehr als 30 Wochen erreichen konnte. Untersuchungen zeigen außerdem einen Zusammenhang zwischen privater Zusatzversicherung und kürzeren Wartezeiten.

Genau hier wird die Diskussion über Zwei-Klassen-Medizin konkret.

Denn medizinische Dringlichkeit sollte darüber entscheiden, wann jemand behandelt wird – nicht die Dicke seiner Geldbörse.

Corona hat das Problem verschärft, aber nicht verursacht

Es wäre bequem, die heutigen Wartezeiten ausschließlich mit der Pandemie zu erklären.

Das wäre falsch.

Die OECD weist darauf hin, dass lange Wartezeiten für planbare Operationen in vielen europäischen Ländern bereits vor der Pandemie ein Problem waren. Während COVID-19 wurden zahlreiche nicht dringende Eingriffe verschoben. Dadurch entstanden zusätzliche Rückstände, die bestehende Probleme weiter verschärften.

Corona war damit eher ein Brandbeschleuniger als der Ursprung des Feuers.

Österreich behandelt zu viel im Krankenhaus

Ein weiterer struktureller Schwachpunkt ist seit Jahren bekannt.

Viele medizinische Leistungen werden in Österreich im Krankenhaus erbracht, obwohl sie im niedergelassenen oder ambulanten Bereich günstiger und teilweise patientenfreundlicher durchgeführt werden könnten.

Genau darauf weist auch das Gesundheitsministerium hin: Österreich gibt im internationalen Vergleich viel für Spitäler aus, während der niedergelassene Bereich, Digitalisierung und Vorsorge relativ schwächer ausgeprägt sind.

Das führt zu einem Teufelskreis.

Wenn Menschen keinen zeitnahen Haus- oder Facharzttermin bekommen, gehen sie ins Krankenhaus. Dort treffen sie auf Strukturen, die eigentlich für andere Aufgaben gedacht sind. Ambulanzen werden belastet, Personal wird gebunden und das ohnehin teure stationäre System muss zusätzliche Leistungen übernehmen.

Deshalb lautet die aktuelle gesundheitspolitische Strategie „digital vor ambulant vor stationär“. Primärversorgung, Gruppenpraxen, Ambulatorien und digitale Angebote sollen ausgebaut werden.

Die Strategie zeigt aber zugleich, wo das bisherige System Schwächen hat.

Zu viele Zuständigkeiten, zu wenig System aus einem Guss

Eine der größten österreichischen Besonderheiten ist die komplizierte Finanzierung und Steuerung.

Bund, Länder und Sozialversicherung teilen sich Aufgaben und Finanzierung. Krankenhäuser und niedergelassene Versorgung folgen teilweise unterschiedlichen Finanzierungslogiken.

Das ist historisch gewachsen.

Für Patienten spielt es jedoch keine Rolle, aus welchem Budgettopf ihre Behandlung bezahlt wird. Sie wollen möglichst schnell am medizinisch richtigen Ort behandelt werden.

Für die Institutionen macht dieser Unterschied sehr wohl etwas aus.

Deshalb versucht die österreichische Gesundheitspolitik seit Jahren über die sogenannte Zielsteuerung Gesundheit, Bund, Länder und Sozialversicherung stärker zu koordinieren. Dass dieses Zielsteuerungssystem bereits seit 2013 existiert und für 2024 bis 2028 erneut weitergeführt wurde, zeigt allerdings auch, wie hartnäckig das Strukturproblem ist.

Es fehlt nicht einfach nur Geld

Eine populäre Erklärung lautet: „Das Gesundheitssystem wurde kaputtgespart.“

Ganz so einfach ist es nicht.

Österreich gibt international betrachtet sehr viel für Gesundheit aus. Gleichzeitig wurden im Rahmen des Finanzausgleichs erhebliche zusätzliche Mittel beschlossen.

Unter anderem sind 300 Millionen Euro jährlich für die Stärkung des niedergelassenen Bereichs und 550 Millionen Euro für den spitalsambulanten Bereich beziehungsweise Strukturmaßnahmen vorgesehen. Zusätzlich wurden Mittel für 100 neue Vertragsarztstellen, Digitalisierung, Prävention und andere Maßnahmen beschlossen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

Wie viel Geld geben wir aus?

Sondern:

Was bekommen die Patienten für dieses Geld?

Mehr Milliarden allein beseitigen keine falschen Anreize, keine komplizierten Zuständigkeiten und keinen Personalmangel.

Die Bevölkerung wird älter – und damit steigt der Bedarf

Dazu kommt ein Problem, das sich nicht wegverhandeln lässt: die Demografie.

Eine alternde Bevölkerung benötigt im Durchschnitt mehr medizinische Leistungen. Chronische Erkrankungen nehmen zu, mehr Menschen brauchen Gelenkersatz, Herz-Kreislauf-Behandlungen, Krebsmedizin, Rehabilitation und Pflege.

Gleichzeitig altert auch das medizinische Personal.

Die Ärztekammer weist in ihrer aktuellen Statistik ausdrücklich auf einen hohen Altersgipfel im niedergelassenen Bereich hin.

Das bedeutet: Das System muss in den kommenden Jahren nicht nur zusätzliche Nachfrage bewältigen. Es muss gleichzeitig Ärzte und andere Gesundheitsberufe ersetzen, die in Pension gehen.

Und dann kommt der Pflege- und Personalmangel

Ein Operationssaal funktioniert nicht allein mit einem Chirurgen.

Man braucht Anästhesie, OP-Pflege, Stationspersonal, Radiologie, Labor, Reinigung, Administration und häufig anschließend Rehabilitation oder Pflege.

Fehlt nur ein Teil dieser Kette, können vorhandene Operationssäle oder Betten nicht vollständig genutzt werden.

Deshalb ist die Diskussion über Wartezeiten viel größer als die reine Zahl der Ärzte.

Ein Krankenhaus kann theoretisch Betten besitzen und trotzdem praktisch weniger Patienten behandeln, wenn das notwendige Personal fehlt.

Die Zwei-Klassen-Medizin entsteht nicht erst morgen.

Österreich besitzt weiterhin ein solidarisches System mit breiter Absicherung. Fast die gesamte Bevölkerung ist für einen Kern medizinischer Leistungen versichert.

Trotzdem sollte man die Entwicklung zur privaten Zusatzversorgung nicht kleinreden.

2023 wurde fast ein Viertel der gesamten österreichischen Gesundheitsausgaben privat finanziert. Rund 17 Prozent der Gesundheitsausgaben entfielen auf direkte Zahlungen der Haushalte. Außerdem besitzen laut OECD-/EU-Länderprofil rund 39 Prozent der Bevölkerung eine private Zusatzversicherung.

Das ist gesellschaftspolitisch relevant.

Denn ein solidarisches Gesundheitssystem verliert langfristig Akzeptanz, wenn Menschen den Eindruck bekommen:

Pflichtbeiträge zahlen alle – gute Verfügbarkeit bekommen jene, die zusätzlich bezahlen.

Dabei geht es nicht darum, Privatmedizin zu verteufeln. Wahlärzte und Privatkliniken können das Gesamtsystem sogar entlasten.

Problematisch wird es dann, wenn private Bezahlung faktisch zur Eintrittskarte für zeitgerechte Versorgung wird.

Warum wird es gefühlt immer schlechter?

Die Antwort besteht deshalb nicht aus einem einzigen Versagen.

Mehrere Entwicklungen treffen gleichzeitig aufeinander:

Eine alternde Bevölkerung benötigt mehr medizinische Leistungen. Gleichzeitig altert ein Teil des Gesundheitspersonals. Kassenstellen sind regional und fachlich ungleich verteilt. Der Wahlarztbereich ist attraktiv. Krankenhäuser übernehmen Leistungen, die besser ambulant erbracht würden. Die Finanzierung ist zwischen mehreren Institutionen aufgeteilt. Nachwirkungen der Pandemie haben Operationsrückstände verschärft. Pflege- und Personalknappheit begrenzen die tatsächlich nutzbaren Kapazitäten. Und Patienten erwarten zu Recht einen schnelleren und moderneren Zugang zur Medizin.

Das Ergebnis ist ein System, das auf dem Papier enorme Ressourcen besitzt und trotzdem an entscheidenden Stellen Engpässe produziert.

Was müsste sich ändern?

Österreich braucht deshalb nicht einfach nur mehr Geld.

Es braucht mehr verfügbare Kassenmedizin.

Kassenstellen müssen so attraktiv sein, dass Ärzte sie tatsächlich übernehmen wollen. Gruppenpraxen und Primärversorgungseinheiten können dabei helfen, weil junge Ärzte zunehmend nicht mehr allein eine klassische Einzelordination mit allen wirtschaftlichen Risiken führen möchten.

Es braucht außerdem eine echte Verlagerung geeigneter Leistungen aus den Krankenhäusern in den ambulanten Bereich.

Es braucht transparente Wartelisten. Patienten sollten nachvollziehen können, wie lange sie auf einen Eingriff warten müssen und ob eine andere öffentliche Einrichtung die Behandlung früher durchführen kann.

Es braucht bessere Patientensteuerung.

Und vor allem braucht es eine Finanzierung, bei der nicht unterschiedliche Institutionen davon profitieren können, Kosten in einen anderen Bereich des Systems zu verschieben.

Genau in diese Richtung zielt die Gesundheitsreform 2024–2028. Zusätzliche Kassenstellen, Primärversorgungseinheiten, Digitalisierung und eine stärkere ambulante Versorgung sind vorgesehen.

Ob daraus im Alltag tatsächlich kürzere Wartezeiten entstehen, wird jedoch der entscheidende Maßstab sein.

Die entscheidende Frage ist nicht, wie viele Milliarden wir ausgeben

Österreich steht nicht vor dem Zusammenbruch seines Gesundheitssystems.

Aber wir sollten uns auch nicht von guten internationalen Durchschnittswerten beruhigen lassen.

Ein Gesundheitssystem kann statistisch hervorragend ausgestattet sein und für den einzelnen Patienten trotzdem versagen.

Wer Schmerzen hat und monatelang auf eine Operation wartet, dem hilft die Information wenig, dass Österreich mehr Ärzte pro Einwohner hat als der OECD-Durchschnitt.

Wer keinen Kassenfacharzt findet, hat wenig davon, dass die Gesamtzahl der Ärzte steigt.

Und wer hört, dass ein notwendiger Eingriff erst in Monaten möglich ist, während eine privat bezahlte Behandlung wesentlich schneller angeboten werden kann, beginnt verständlicherweise am Versprechen gleicher medizinischer Versorgung zu zweifeln.

Genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

Nicht darin, dass Österreich morgen keine Ärzte oder Krankenhäuser mehr besitzt.

Sondern darin, dass sich langsam ein System etabliert, in dem theoretisch alle Zugang zu guter Medizin haben – aber Geschwindigkeit, Komfort und teilweise die tatsächliche Verfügbarkeit zunehmend davon abhängen, ob jemand zusätzlich bezahlen kann.

Ein solidarisches Gesundheitssystem muss sich deshalb an einer einfachen Frage messen lassen:

Bekomme ich notwendige medizinische Hilfe innerhalb einer medizinisch vertretbaren Zeit – unabhängig davon, wie viel Geld ich auf dem Konto habe?

Wenn immer mehr Menschen diese Frage mit Nein beantworten, haben wir ein Problem, das sich nicht mehr mit Statistiken über hohe Gesundheitsausgaben erklären lässt.

Dann geht es um das Vertrauen in das gesamte System.

Und dieses Vertrauen zurückzugewinnen dürfte wesentlich schwieriger werden, als zusätzliche Milliarden bereitzustellen.