Politische Strategien hinter dem Framing: eine Analyse der Begriffe „rechtsradikal“ und „Nazi“ im Diskurs
Datum: 02. November 2025 Autor: Manus AI
Einleitung
Die Verwendung von emotional und historisch stark aufgeladenen Begriffen wie „rechtsradikal“ oder „Nazi“ zur Beschreibung von als „normal“ empfundenem Verhalten ist ein zentrales Phänomen im modernen politischen Diskurs.
Dieses Vorgehen, bekannt als Framing, ist weit mehr als eine spontane Beleidigung; es ist eine bewusste Kommunikationsstrategie, die darauf abzielt, die öffentliche Wahrnehmung zu formen, Narrative zu kontrollieren und politische Ziele zu erreichen.
Diese Analyse untersucht die taktischen und strategischen Mechanismen, die hinter der Anwendung solcher Labels stehen, basierend auf Erkenntnissen aus der politischen Kommunikationsforschung und Medienanalyse.

Kernfunktionen der strategischen Etikettierung
Die Verwendung scharfer, negativer Labels durch politische Akteure, insbesondere aus dem linken Spektrum, erfüllt mehrere strategische Funktionen, die über die reine Diffamierung des Gegners hinausgehen. Diese Taktiken sind darauf ausgelegt, in einem lauten und fragmentierten Medienumfeld maximale Wirkung zu erzielen.
| Strategische Funktion | Mechanismus | Quelle |
| Mobilisierung der Basis | Starke, moralisch aufgeladene Begriffe wie „Faschist“ dienen weniger der Überzeugung unentschlossener Wähler als vielmehr der Energetisierung und Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft. | Panagopoulos [1] |
| Gegner-Definition | In kurzen Wahlkampfzyklen und schnellen Medienformaten ermöglichen einprägsame, negative Labels eine schnelle und effiziente „Markenbildung“ des politischen Gegners. | Brauer [1] |
| Kompensation von Schwächen | Negative Angriffe können als strategische Wahl dienen, um von eigenen politischen Schwächen oder dem Fehlen einer starken programmatischen Agenda abzulenken. | Swain [1] |
| Ausnutzung der Aufmerksamkeitsökonomie | Angesichts sinkender Aufmerksamkeitsspannen (von 2,5 Minuten auf ca. 47 Sekunden in den letzten zwei Jahrzehnten) sind einfache, emotionale Labels effektiver als komplexe politische Erklärungen. | Brauer, Mark [1] |
| Moralische Polarisierung | In Anlehnung an Saul Alinskys „Rules for Radicals“ wird der Gegner als Zielscheibe „eingefroren, personalisiert und polarisiert“, um ihn zu Reaktionen zu provozieren und die eigene Position moralisch zu überhöhen. | Swain [11] |
Der paradoxe Effekt: Verstärkung und Normalisierung
Während die strategische Etikettierung kurzfristige Vorteile bringen kann, birgt sie erhebliche Risiken und unbeabsichtigte Konsequenzen. Die intensive mediale Auseinandersetzung mit extremistischen Positionen, oft angetrieben durch empörte Reaktionen, kann zu einem paradoxen Ergebnis führen.
„Die Berichterstattung hat nur einen Effekt: die Normalisierung unserer Ideen. Und es braucht keinen Politikwissenschaftler, um das herauszufinden. Wenn es nicht absichtlich ist, dann ist es absurde Inkompetenz.“ – Andrew Anglin, Neo-Nazi-Website-Betreiber [2]
Dieses Zitat verdeutlicht eine zentrale Gegenstrategie: die bewusste Nutzung der medialen Empörung als „Sauerstoff der Öffentlichkeit“. Rechtsextreme Akteure provozieren gezielt, um mediale Aufmerksamkeit zu erhalten, die wiederum den Traffic auf ihren Plattformen erhöht und ihre Agenda verbreitet. Dies führt zu zwei kritischen Phänomenen:
1. Der „Cry Wolf“-Effekt (Begriffsinflation): Die übermäßige und oft unpräzise Verwendung von Begriffen wie „Nazi“ oder „Rechtsextremist“ für ein breites Spektrum von Verhaltensweisen führt zu einer Abnutzung und Entwertung dieser Kategorien. Experten wie Ryan Lenz vom Southern Poverty Law Center und Marilyn Mayo von der Anti-Defamation League warnen, dass dies die Fähigkeit der Öffentlichkeit untergräbt, echten Extremismus zu erkennen, wenn er auftritt. Die Reaktion wird zu einem „wahrscheinlich ist er einfach normal“, wie Anglin es beschreibt [2].
2. Der Verlust der sozialen Stigmatisierung: Traditionell waren mit dem Label „Rassist“ oder „Nazi“ erhebliche soziale, finanzielle und politische Konsequenzen verbunden. Eine neue Generation politischer Akteure, wie Richard Spencer, hat dieses Stigma jedoch in einen Vorteil verkehrt. Sie „leben davon, Rassist genannt zu werden“ und erleiden keine negativen Konsequenzen mehr [2]. Das Label wird zum Ehrenzeichen in der eigenen Subkultur und verliert seine disziplinierende Wirkung im öffentlichen Diskurs.
Deutscher Kontext: Strategien der Diskursverschiebung
In Deutschland lassen sich diese globalen Strategien am Beispiel der AfD konkret beobachten. Die Bildungsstätte Anne Frank analysiert drei zentrale Taktiken, mit denen die Partei erfolgreich den politischen Diskurs nach rechts verschiebt [4]:
• Doppelstrategie und „Tone Policing“: Die AfD präsentiert sich in der breiten Öffentlichkeit (Talkshows, Parlamente) bewusst bürgerlich und moderat. Gleichzeitig werden in weniger öffentlichen Kanälen (soziale Medien, Parteiveranstaltungen) rechtsextreme Narrative bedient. Werden AfD-Politiker für ihre radikalen Aussagen scharf kritisiert, wird der Fokus strategisch auf den „Ton“ der Kritiker gelenkt („Tone Policing“). Dies führt dazu, dass nicht die AfD, sondern ihre Kritiker als aggressiv und unfair wahrgenommen werden.
• Inszenierung als „Stimme der Normalen“: Die Partei konstruiert ein Feindbild zwischen den „normalen Leuten“ und angeblich „privilegierten Eliten“, die sich mit „Luxusproblemen“ wie Gender, Klima oder Rassismusbekämpfung beschäftigen. Diese Definition von „Normalität“ ist eine rhetorische Konstruktion, die bewusst bestimmte Bevölkerungsgruppen (z. B. nicht-weiße, queere Menschen) ausschließt und eine weiße, heterosexuelle Hegemonie als Norm setzt [4].
• Import von Kulturkämpfen: Die AfD adaptiert erfolgreich Debatten und Narrative aus dem US-amerikanischen Raum (z. B. Anti-Trans-Rhetorik, QAnon-Mythen). Dies hat den doppelten Vorteil, dass fertiges Kommunikationsmaterial (Memes, Narrative) nur übersetzt werden muss und gleichzeitig internationale rechte Netzwerke mobilisiert werden, was die Reichweite erhöht.
Eine besondere Gefahr entsteht, wenn etablierte konservative und liberale Parteien versuchen, Wähler von der AfD zurückzugewinnen, indem sie deren Positionen und Narrative übernehmen. Die Bildungsstätte Anne Frank warnt eindringlich:
„Selbst wenn es gelingt, mit einem rassistischen Wahlkampf AfD-Stimmen zurückzugewinnen, wird die Gesellschaft dabei trotzdem rassistischer.“ [4]
Diese Strategie hat international gezeigt, dass sie nicht die extremen Parteien schwächt, sondern deren Positionen legitimiert und das gesamte Overton-Fenster – den Rahmen des Sag- und Denkbaren im öffentlichen Diskurs – nach rechts verschiebt.
Österreichischer Kontext: Faktizität vs. strategische Inkonsistenz
Im österreichischen Diskurs, insbesondere im Umgang mit der FPÖ, zeigt sich eine noch komplexere Dynamik. Hier wird die Verwendung der „Nazi-Keule“ oft nicht als proaktives Framing, sondern als reaktive Beschreibung gerechtfertigt, die auf dem bewussten Vokabular der FPÖ selbst basiert.
„Nein, man kann die ‚Nazi-Keule‘ gegenüber der FPÖ nicht einpacken. Denn diese Partei spielt auf dieser Klaviatur.“ – Otto Friedrich, Die Furche [5]
Diese Perspektive argumentiert, dass die FPÖ selbst die Assoziationen zum Nationalsozialismus gezielt herstellt, was die Etikettierung zu einer Benennung von Fakten macht. Die strategische Dimension liegt hier weniger in der Erfindung eines Frames, sondern im opportunistischen Umgang anderer Parteien mit diesen Fakten.
| Beispiel für NS-Vokabular (FPÖ) | Beschreibung | Quelle |
| „Volkskanzler“ | Eine frühere Bezeichnung für Adolf Hitler, die von Herbert Kickl für sich beansprucht wird. | Die Furche [5] |
| „Systemparteien“, „Lügenpresse“ | Begriffe, die tief in der NS-Propaganda verwurzelt sind und heute zur Delegitimierung des demokratischen Systems dienen. | Die Furche [5] |
| „konzentrieren“ | Herbert Kickls Forderung, Flüchtlinge in Lagern „zu konzentrieren“, wird als bewusste Anspielung auf Konzentrationslager gewertet. | Die Furche [5] |
Die Dokumentation von über 168 sogenannten „Einzelfällen“ rechtsextremer, rassistischer oder antisemitischer Aussagen von FPÖ-Politikern seit der Übernahme durch Herbert Kickl dient als weiteres Gegennarrativ [6, 7]. Sie soll die Behauptung widerlegen, es handle sich um isolierte Ausrutscher, und stattdessen ein systematisches Muster aufzeigen.
Das strategische Spiel wird jedoch durch die Inkonsistenz der etablierten Parteien deutlich. So bezeichnete der damalige ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz die mit der FPÖ verbundenen Identitären zwar als „widerlich“, zog jedoch keine politischen Konsequenzen für FPÖ-Minister mit nachgewiesenen Verbindungen zu dieser Gruppe [6]. Die ÖVP selbst nutzt das Label „rechtsextrem“ heute strategisch, um sich von der Kickl-FPÖ abzugrenzen, während gleichzeitig über mögliche Koalitionen verhandelt wird. Dies entlarvt die Etikettierung als taktisches Werkzeug, das je nach politischer Opportunität eingesetzt oder ignoriert wird.
Fazit
Die Verwendung von Labels wie „rechtsradikal“ oder „Nazi“ ist eine komplexe politische Strategie zur Mobilisierung der eigenen Basis und Definition des Gegners. Sie birgt jedoch die Gefahr der Begriffsinflation und kann paradoxerweise den bekämpften Akteuren mediale Aufmerksamkeit verschaffen.
Der österreichische Fall kompliziert dieses Bild: Hier wird die Etikettierung oft als berechtigte Reaktion auf die bewusste Verwendung von NS-Vokabular durch die FPÖ verteidigt. Die eigentliche strategische Ebene liegt hier in der Inkonsistenz der anderen Parteien, die diese Labels je nach politischer Nützlichkeit einsetzen oder ignorieren. Dies untergräbt die Glaubwürdigkeit der Kritik und offenbart, dass es weniger um eine moralische rote Linie als um taktisches Kalkül geht. Die Gefahr besteht darin, dass die Wähler die Warnungen nicht mehr ernst nehmen, während sich der Diskurs durch die Provokationen der einen und die Inkonsistenz der anderen Seite stetig nach rechts verschiebt.
Referenzen
[1] Hallas, E. (2024, 2. November). Why Harris cries ‘fascist’: The strategy behind negative campaigning. The Washington Examiner. Abgerufen von https://www.washingtonexaminer.com/news/campaigns/3212863/harris-cries-fascist-strategy-negative-campaigning/
[2] Beckett, L. (2017, 5. März). How leftwing media focus on far-right groups is helping to normalize hate. The Guardian. Abgerufen von https://www.theguardian.com/world/2017/mar/05/left-wing-media-far-right-normalize-hate-trump
[3] Chkuaseli, S. (2024, 28. November). Framing in Political Communication: How Leaders Shape Narratives and Win Support. Eustochos. Abgerufen von https://eustochos.com/framing-in-political-communication-how-leaders-shape-narratives-and-win-support/
[4] Bildungsstätte Anne Frank. (2023, 18. Juli). Warum die AfD gerade so erfolgreich ist – 3 Strategien der rechten Diskursverschiebung. Abgerufen von https://www.bs-anne-frank.de/mediathek/blog/warum-die-afd-gerade-so-erfolgreich-ist-3-strategien-der-rechten-diskursverschiebung
[5] Friedrich, O. (2024, 25. September). Warum die „Nazi-Keule“ gegenüber der FPÖ berechtigt ist. Die Furche. Abgerufen von https://www.furche.at/meinung/zeit-weise/warum-die-nazi-keule-gegenueber-der-fpoe-berechtigt-ist-14319888
[6] Kontrast.at. (2025, 5. Mai). Die 100 „Einzelfälle“ & Skandale: So extrem ist die FPÖ. Abgerufen von https://kontrast.at/fpoe-einzelfaelle-liste/
[7] Der Standard. (2025, 22. Oktober). Warum ÖVP und SPÖ die FPÖ als „rechtsextrem“ bezeichnen. Abgerufen von https://www.derstandard.at/story/3000000292687/warum-oevp-und-spoe-die-fpoe-als-rechtsextrem-bezeichnen