Russland gegen USA & NATO: Wer treibt die Eskalation voran?
Die historische Prüfung korrigiert beide einfachen Erzählungen: Russland bzw. die Sowjetunion wurde im 20. und 21. Jahrhundert mehrfach massiv angegriffen – aber Moskau hat seinerseits ebenfalls Kriege und Invasionen begonnen, die nicht als unmittelbare Selbstverteidigung gelten können. Bei den USA ist die Zahl militärischer Interventionen erheblich größer, aber „Intervention“, „Krieg begonnen“ und „Krieg provoziert“ dürfen nicht gleichgesetzt werden.

1. Wurde Russland seit 1900 selbst überfallen?
Wenn wir wirklich militärische Angriffe durch andere Staaten auf Russland/die Sowjetunion oder ihre Streitkräfte zählen und Bürgerkriege weglassen, komme ich auf etwa 4–5 eindeutige große Fälle, plus einige Grenzfälle:
| Jahr | Angreifer | Einordnung |
|---|---|---|
| 1904 | Japan | Japan griff die russische Flotte in Port Arthur überraschend an, bevor die Kriegserklärung Moskau erreicht hatte. Allerdings lag Port Arthur in China und war von Russland gepachtet – kein russisches Kernterritorium. |
| 1914 | Deutsches Reich / Mittelmächte | Deutschland erklärte Russland am 1. August den Krieg; anschließend erfolgte die Invasion des Russischen Reiches. Hier gab es allerdings zuvor russische Mobilmachung und eine gesamteuropäische Eskalationskette. |
| 1918–1920 | Westliche alliierte Intervention | Britische, amerikanische, französische, japanische und andere Kräfte intervenierten während des russischen Bürgerkriegs. Das war eine reale ausländische Militärintervention, aber kein klassischer Eroberungskrieg gegen ein stabiles Russland. |
| 1941 | Deutschland und Verbündete | Der mit Abstand eindeutigste Fall: „Unternehmen Barbarossa“. Am 22. Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion ohne vorherige Kriegserklärung an, trotz des bestehenden Nichtangriffspakts. |
| 2024 | Ukraine | Ukrainische Truppen überschritten im Rahmen des laufenden russisch-ukrainischen Krieges die international anerkannte russische Grenze in der Region Kursk. Das ist allerdings keine eigenständige Kriegseröffnung, sondern eine Operation innerhalb des seit 2022 laufenden Krieges. |
Dazu kommen Grenzfälle, beispielsweise der polnisch-sowjetische Krieg 1919–1921 und die schweren sowjetisch-chinesischen Grenzkämpfe 1969.
Deshalb würde ich nicht behaupten: „Russland wurde seit 1900 zehn- oder zwanzigmal überfallen.“ Mit einer vernünftigen engen Definition sind es eher vier große historische Angriffskomplexe, beziehungsweise fünf, wenn man den japanischen Angriff 1904 mitzählt.
Der wichtigste Punkt zugunsten der russischen historischen Erinnerung ist allerdings gewaltig: 1941 war tatsächlich ein nicht provozierter deutscher Vernichtungs- und Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion, bei dem Deutschland der Angreifer war. Das ist historisch kaum strittig.
2. Hat Russland bzw. die UdSSR selbst Kriege begonnen?
Ja – eindeutig. Damit hält die Vorstellung, Russland habe grundsätzlich nur auf Angriffe reagiert, einer historischen Prüfung nicht stand.
Einige besonders klare Fälle:
Polen 1939: Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee in Ostpolen ein, nachdem Deutschland Polen bereits von Westen angegriffen hatte. Grundlage war unter anderem die deutsch-sowjetische Aufteilung von Interessensphären im Molotow-Ribbentrop-Pakt.
Finnland 1939: Hier ist die Lage besonders eindeutig. Stalin verlangte finnische Gebiete mit der Begründung, Leningrad müsse besser geschützt werden. Finnland lehnte die Forderungen ab. Am 30. November 1939 marschierte die Rote Armee in Finnland ein und bombardierte Helsinki. Sicherheitsinteressen waren also vorher erklärt worden – aber daraus entstand kein Recht zur Invasion.
Das beantwortet auch deine Frage nach „ohne Grund“: Ganz ohne vorgebrachte Begründung geschah es nicht. Die Sowjetunion berief sich beispielsweise gegenüber Finnland auf die Sicherheit Leningrads. Aber eine politische oder strategische Begründung ist etwas anderes als ein legitimer Selbstverteidigungsgrund.
Ungarn 1956 und die Tschechoslowakei 1968: Sowjetische Truppen griffen militärisch ein, um politische Entwicklungen innerhalb des Ostblocks zurückzudrängen. Das waren keine Antworten auf einen Angriff Ungarns oder der Tschechoslowakei auf die Sowjetunion.
Afghanistan 1979: Auch hier gibt es kaum Zweifel über die unmittelbare militärische Initiative. Am 25. Dezember 1979 marschierten sowjetische Streitkräfte ein; die sowjetische Führung ließ den afghanischen Staatschef Hafizullah Amin töten und übernahm militärisch die Kontrolle über Kabul. Die amerikanischen Regierungsakten beschreiben ausdrücklich die sowjetische Entscheidung zur militärischen und politischen Übernahme.
Ukraine 2014/2022: Die Annexion der Krim 2014 wurde international nicht anerkannt; 2022 begann Russland die großangelegte Invasion der Ukraine. Die UN-Generalversammlung verlangte den Abzug russischer Streitkräfte und verurteilte die versuchten Annexionen ukrainischer Gebiete mit 143 zu 5 Stimmen.
Georgien 2008 ist dagegen komplizierter.
Diesen Krieg sollte man gerade nicht als eindeutigen Beweis für einen völlig unprovozierten russischen Angriff verwenden.
Die von der EU eingesetzte unabhängige Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass der offene Krieg in der Nacht vom 7. auf den 8. August durch den großangelegten georgischen Angriff auf Zchinwali begann. Gleichzeitig stellte sie eine vorhergehende Eskalation und russische Mitverantwortung fest; Russlands anschließende militärische Reaktion ging zudem erheblich über die unmittelbare Verteidigung hinaus. Ein britischer Parlamentsbericht fasste entsprechend zusammen, dass die Verantwortung in unterschiedlichem Maße bei mehreren Parteien lag.
Das ist eine wichtige Korrektur an manchen vereinfachten westlichen Darstellungen von 2008.
3. Und wie sieht es bei den USA aus?
Hier wird die Sache statistisch interessant.
Der Congressional Research Service, also der wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses, führt eine lange Chronologie unter dem Titel „Instances of Use of United States Armed Forces Abroad, 1798–2023“. Sie umfasst eine sehr große Zahl amerikanischer Militäreinsätze. Allerdings warnt die Systematik praktisch davor, daraus einfach „so viele amerikanische Kriege“ zu machen: Darunter befinden sich Invasionen ebenso wie Evakuierungen, Schutzoperationen, begrenzte Luftschläge und Truppenstationierungen.
Wenn wir stattdessen nur größere Fälle betrachten, in denen die USA selbst militärische Kampfhandlungen auf fremdem Gebiet eröffneten oder einen bestehenden Konflikt wesentlich zum Krieg ausweiteten, erhalten wir beispielsweise:
- Philippinen 1899–1902 – begann knapp vor unserem Stichjahr 1900, lief aber danach weiter; amerikanische Kolonialherrschaft gegen die philippinische Unabhängigkeitsbewegung. Selbst das US-Außenministerium beschreibt die amerikanische Absicht, Kontrolle über die Inseln auszuüben.
- Mexiko 1914 und 1916
- Haiti 1915
- Dominikanische Republik 1916
- Nicaragua, wiederholte Interventionen
- Vietnam – der Krieg existierte bereits, aber die USA eskalierten ihn massiv; der Tonkin-Zwischenfall lieferte die politische Grundlage für die große Ausweitung und die Bombenkampagne ab 1965.
- Grenada 1983 – ausdrücklich eine amerikanische Invasion.
- Panama 1989 – amerikanische Invasion.
- Jugoslawien/Kosovo 1999 – NATO-Luftkrieg, maßgeblich von den USA getragen
- Irak 2003 – amerikanisch-britisch geführte Invasion; das US-Außenministerium selbst hält fest, dass die Koalition am 20. März 2003 in den Irak einmarschierte.
- Libyen 2011 – internationale Intervention unter maßgeblicher amerikanischer Beteiligung in einem bereits bestehenden Bürgerkrieg.
Aber wiederum: Korea 1950 gehört nicht in dieselbe Kategorie, denn dort hatte Nordkorea Südkorea angegriffen.
Der Golfkrieg 1991 ebenfalls nicht: Er folgte auf Saddam Husseins Invasion Kuwaits und basierte auf einer internationalen Koalition und UN-Beschlüssen.
Afghanistan 2001 ist ebenfalls nicht vernünftig als grundlos von Amerika „provozierter Krieg“ einzuordnen: Die Operation folgte auf die Anschläge vom 11. September 2001; die Taliban beherbergten al-Qaida und weigerten sich, Bin Laden und dessen Netzwerk auszuliefern beziehungsweise deren Unterstützung zu beenden.
Was ergibt der faire Zahlenvergleich?
Eine exakte Zahl „provozierter Kriege“ existiert wissenschaftlich nicht, weil „provozieren“ keine objektive statistische Kategorie ist.
Mit einer engen Definition – ein Staat beginnt selbst einen größeren zwischenstaatlichen Krieg oder eine Invasion – würde ich für den Zeitraum seit 1900 grob folgendermaßen urteilen:
| Kategorie | Russland/UdSSR | USA |
|---|---|---|
| Eindeutige größere Invasionen/Kriegsinitiativen | ca. 5–7 | ca. 5–8 |
| Einschließlich militärischer Regimeinterventionen und größerer Angriffe | ca. 8–10 | ca. 10–15+ |
| Alle militärischen Auslandseinsätze | deutlich mehr | sehr viel mehr; CRS dokumentiert eine große Zahl einzelner Einsätze |
Die konkrete Zahl verändert sich erheblich, sobald beispielsweise Vietnam, Libyen, Syrien, Ungarn, die Tschechoslowakei oder kleinere lateinamerikanische Interventionen als eigener „Krieg“ gezählt werden.
Deshalb würde ich deinen ursprünglichen Blog in einem Punkt korrigieren.
Es wäre historisch nicht glaubwürdig, Russland ausschließlich als passives Opfer westlicher Provokationen darzustellen. Die UdSSR hat Finnland und Afghanistan angegriffen; Russland hat 2022 die großangelegte Invasion der Ukraine begonnen. Das sollte man nicht wegargumentieren.
Aber ebenso wenig wäre die Gegenerzählung glaubwürdig, nach der nur Russland eine Geschichte militärischer Interventionen besitzt und der Westen lediglich defensiv reagiert. Die USA haben seit 1900 wesentlich häufiger militärische Macht außerhalb ihres eigenen Territoriums eingesetzt; Grenada, Panama und insbesondere der Irakkrieg 2003 sind dafür eindeutige Beispiele. Selbst offizielle amerikanische Quellen bezeichnen Grenada und Panama als Intervention beziehungsweise Invasion und dokumentieren die Invasion des Irak.
Der historisch stärkere Blog wäre deshalb nicht „Russland hat nie provoziert“, sondern:
„Warum werden russische Sicherheitsinteressen heute häufig grundsätzlich als Aggression gewertet, während westliche Interventionen in der öffentlichen Erinnerung oft mit anderen Maßstäben bewertet werden?“
Das ist eine harte These – aber sie lässt sich wesentlich seriöser anhand konkreter Fälle untersuchen als die Behauptung, eine Seite habe grundsätzlich immer nur defensiv gehandelt.