Saint-Germain 1919: Der Vertrag, der Österreich spaltete und Europa veränderte
Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und gehören plötzlich zu einem anderen Land. Ihre Heimatstadt, in der Ihre Familie seit Generationen lebt, ist über Nacht Teil eines neuen Staates geworden, dessen Sprache Sie vielleicht nicht einmal sprechen. Was wie ein schlechter Traum klingt, wurde für Millionen von Menschen nach dem Ersten Weltkrieg zur bitteren Realität. Der Grund dafür war ein Friedensvertrag, von dem viele noch nie gehört haben, der aber die Landkarte Europas für immer neu zeichnete: der Vertrag von Saint-Germain-en-Laye.
Am 10. September 1919, nur wenige Monate nach dem berühmteren Vertrag von Versailles, der das Schicksal Deutschlands besiegelte, wurde in einem Schloss nahe Paris das Ende eines der mächtigsten Reiche der Geschichte beschlossen: Österreich-Ungarn. Doch dies war kein Friedensschluss unter Gleichen. Es war, wie es der Historiker und Publizist Michael Grandt in einem seiner Vorträge treffend beschreibt, ein „Vernichtungsfrieden“ – ein Diktat der Siegermächte, das die Grundlage für zukünftige Konflikte legte.

Ein Frieden ohne Verhandlung: das Diktat von Saint-Germain
Anders als bei früheren Friedenskonferenzen durfte die österreichische Delegation in Saint-Germain nicht mitverhandeln. Ihr wurde lediglich der fertige Vertragstext zur Unterschrift vorgelegt. Die zentrale und moralisch verheerende Grundlage war, wie schon in Versailles, der Vorwurf der alleinigen Kriegsschuld. Österreich und seine Verbündeten wurden als die alleinigen Aggressoren gebrandmarkt, eine Darstellung, die heute von vielen Historikern als grobe Vereinfachung angesehen wird.
Dieser Schuldspruch war die Rechtfertigung für die harten Bedingungen, die folgten. Eine der ersten Maßnahmen war symbolisch, aber tiefgreifend: Die Alliierten verboten den Namen „Deutschösterreich“, den sich der neue Staat nach dem Zusammenbruch der Monarchie gegeben hatte. Stattdessen wurde der Name „Österreich“ aufgezwungen. Damit sollte von Anfang an jede Assoziation mit dem ebenfalls besiegten Deutschland unterbunden werden.
Die Zerschlagung eines Vielvölkerstaates
Das Herzstück des Vertrages war die territoriale Zerschlagung der österreichischen Reichshälfte. Das Habsburgerreich, ein Vielvölkerstaat, in dem Deutsche, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Polen, Ukrainer, Slowenen, Kroaten und Italiener zusammengelebt hatten, wurde in seine nationalen Bestandteile zerlegt. Auf den Trümmern des alten Reiches entstanden neue oder vergrößerte Staaten:
• Die Tschechoslowakei: Dieser neue Staat erhielt die historisch zu Österreich gehörenden Länder Böhmen und Mähren. Plötzlich fanden sich über drei Millionen Deutschböhmen und Deutschmährer als Minderheit in einem tschechisch dominierten Staat wieder.
• Italien: Trotz des Versprechens des Selbstbestimmungsrechts der Völker erhielt Italien das südliche Tirol bis zum Brennerpass. Über 250.000 deutschsprachige Südtiroler wurden ohne Volksabstimmung von ihrer Heimat abgetrennt und zu italienischen Staatsbürgern gemacht – ein Konflikt, der bis heute nachwirkt.
• Jugoslawien (damals Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen): Teile der Steiermark und Kärntens fielen an den neuen Südslawen-Staat.
• Polen und Rumänien: Auch diese Staaten erhielten Gebiete der ehemaligen Monarchie.
Am Ende dieses Prozesses war aus einem Reich mit über 50 Millionen Einwohnern ein kleiner Alpenstaat mit nur noch 6,5 Millionen Menschen geworden. Fast die Hälfte der deutschsprachigen Bevölkerung des alten Österreichs, rund 3,5 Millionen Menschen, lebte nun als Minderheit in fremden Staaten. Das viel beschworene Selbstbestimmungsrecht, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson als Leitprinzip des Friedens proklamiert hatte, galt offensichtlich nicht für die Besiegten.
Das Beispiel Südtirol: ein Unrecht bis heute
Das Schicksal Südtirols ist vielleicht das eindrücklichste Beispiel für die Ungerechtigkeit des Vertrages. Dieses Gebiet war seit Jahrhunderten deutschsprachig und kulturell eng mit dem restlichen Tirol verbunden. Die Annexion durch Italien war eine rein strategische Entscheidung, die Italien für seinen Kriegseintritt aufseiten der Alliierten belohnen sollte. Die Bevölkerung wurde nie gefragt. In den folgenden Jahrzehnten versuchte das faschistische Italien unter Mussolini, die deutsche Kultur durch eine brutale Italianisierungspolitik auszulöschen. Schulen wurden geschlossen, deutsche Namen verboten und Italiener systematisch angesiedelt. Der Widerstand der Südtiroler und der zähe Kampf um Autonomie prägen die Region bis heute.
Wirtschaftlicher Ruin und politische Instabilität
Die territorialen Verluste hatten für den neuen Staat Österreich katastrophale wirtschaftliche Folgen. Der kleine Reststaat war von seinen traditionellen Rohstoffquellen und landwirtschaftlichen Gebieten abgeschnitten. Die Industriezentren in Böhmen und Mähren waren verloren, die Kornkammern in Ungarn und Galizien ebenfalls. Österreich wurde über Nacht von einem autarken Wirtschaftsraum zu einem Land, das von den Importen seiner oft feindselig gesinnten Nachbarn abhängig war.
Diese wirtschaftliche Notlage, gepaart mit der Demütigung des Friedensvertrages und der Identitätskrise des Landes, schuf einen perfekten Nährboden für politische Radikalisierung. Die erste Republik war von Anfang an ein Staat, an den nur wenige glaubten. Viele Österreicher sahen die einzige Rettung in einem Zusammenschluss mit dem großen deutschen Bruder – eine Option, die der Vertrag von Saint-Germain ausdrücklich verbot.
Das verbotene Wort: „Anschluss“
Artikel 88 des Vertrages untersagte den „Anschluss“, also die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich. Jede Handlung, die die Unabhängigkeit Österreichs gefährden könnte, musste von der Zustimmung des Völkerbundrates abhängig gemacht werden – ein Gremium, das von den Siegermächten dominiert wurde. Dieses Verbot war ein direkter Widerspruch zum Prinzip des Selbstbestimmungsrechts.
In mehreren Bundesländern, darunter Tirol und Salzburg, fanden Anfang der 1920er Jahre Volksabstimmungen statt, bei denen sich überwältigende Mehrheiten für einen Anschluss an Deutschland aussprachen. Diese Abstimmungen wurden von den Alliierten für ungültig erklärt und weitere Initiativen unter Androhung von Sanktionen verboten. Die Sehnsucht nach einem Zusammenschluss blieb jedoch in weiten Teilen der Bevölkerung lebendig und wurde zu einem zentralen Propagandainstrument der Nationalsozialisten.
Ein Nährboden für den Nationalsozialismus?
Michael Grandt argumentiert in seinem Vortrag, dass die harten Bedingungen von Versailles und Saint-Germain den Aufstieg Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten nicht nur begünstigten, sondern sie geradezu hervorbrachten. Die ständige Demütigung, die wirtschaftliche Not und das Gefühl, zu Unrecht behandelt worden zu sein, machten viele Menschen empfänglich für die radikalen Heilsversprechen der Nazis. Die NSDAP in Österreich konnte sich als die einzige Kraft präsentieren, die das „Diktat von Saint-Germain“ rückgängig machen und den Willen des Volkes nach einem Anschluss erfüllen wollte.
Als Hitler dann 1938 in Österreich einmarschierte, wurde dies von vielen nicht als Besetzung, sondern als die lang ersehnte Erfüllung eines nationalen Traums bejubelt. Die Wurzeln dieser Begeisterung lagen tief in der Enttäuschung und Verbitterung, die der Friedensvertrag von 1919 hinterlassen hatte.
Fazit: Ein Frieden, der keinen Frieden brachte
Der Vertrag von Saint-Germain war, wie sein Gegenstück in Versailles, kein Vertrag, der auf eine dauerhafte und gerechte Friedensordnung abzielte. Er war ein Rachefrieden, der auf dem Prinzip der kollektiven Bestrafung basierte und das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit zweierlei Maß anwandte. Er schuf neue Ungerechtigkeiten, zog willkürliche Grenzen und legte die Saat für die Konflikte der Zukunft.
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat auf tragische Weise gezeigt, dass ein Frieden, der auf Demütigung und Unterdrückung aufgebaut ist, niemals von Dauer sein kann. Die Lehren aus Saint-Germain sind heute, in einer Zeit neuer nationaler Spannungen und geopolitischer Konflikte, aktueller denn je. Sie erinnern uns daran, dass ein echter Frieden nur auf der Grundlage von Gerechtigkeit, Respekt und dem echten Willen zur Versöhnung entstehen kann.